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Betriebsgeheimnisse der Bildzeitung

22. Oktober 2006 – Gerhard Henschel liest aus seinem Buch »Gossenreport«

Bericht über die Veranstaltung in der »Sulzbach-Rosenberger Zeitung« von Franz Pegemeyer am 26.10.2006

»Bild dir deine Meinung!«

Gerhard Henschel stellt in Sulzbach-Rosenberg seinen »Gossenreport« vor

Lange schon hat sich kein kritischer Autor mehr dort hin begeben: Nach ganz unten, in den Bereich des Gossenjournalismus. Der BILD-Zeitung, von den 68-ern und ihren Nachfahren noch heftig gescholten, widerfuhr in den Neunzigern, als das Niveau der politisch Agierenden in den Bereich der neuen Mitte absank, eine oft gespenstisch anmutende Verehrung. War es Resignation, war es Blindheit? Dieser unheimliche Fanclub jedenfalls setzte sich auch aus Mitgliedern zusammen, die dem Verlagshaus Springer einst feindlich gesonnen waren. Es waren jene Jahre, in denen der lupenreine Genossenboss Gerhard Schröder erklärte, zum Regieren brauche es nicht mehr als Bild, BamS und Glotze. 

Miss- und Hochachtung

Vielleicht musste durch Wahlergebnisse erst das Gefühl für den Verlust der Mitte aufkommen – so dass ein Büchlein, das wieder das Hohelied der BILD-Zeitungskritik anstimmt, ohne Werbeaufwand nicht nur zum Liebling der Feuilletons, sondern auch zum respektablen Seller - drei Auflagen innerhalb von vier Wochen! – avancieren konnte. Gerhard Henschels »Gossenreport – Betriebsgeheimnisse der BILD-Zeitung« (Edition Tiamat) jedenfalls passt auf mephistophelische Weise wie die Faust aufs Auge unserer Gegenwart. Der Autor geht darin mit der BILD-Zeitung aufs Schärfste ins Gericht: Was er dem Springer-Blatt, das täglich um die zwölf Millionen Leser erreicht, vorwirft, ist vor allem moralischer Natur. Was ihn dabei erregt, ist die unablässig gepflegte Missachtung der Menschenwürde – bei gleichzeitiger Hochachtung durch die obersten Würdenträger im Land. Grundlage für seine 191-seitige Abrechnung ist ein im vergangenen Jahr in der Zeitschrift »Merkur« vorabgedruckter Aufsatz mit dem Titel »Von Tag zu Tag wird's schmutziger«: Darin erhebt er den Vorwurf, »dass eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert.« 

Mit der Davids-Schleuder

Ja: Gerhard Henschel argumentiert moralisch. Er klagt BILD der »Anzeigenzuhälterei« an, weil das Blatt Tag für Tag eine Plattform für derbste Telefonservice-Inserate bietet. Er klagt eine Institution wie die katholische Kirche an, weil sie bedenkenlos Allianzen mit dieser Art von Schmuddeljournalismus eingeht (»Nicht päpstlicher als der Papst!«) und den Verkauf der von BILD herausgegebenen Volksbibel in Form von fotojournalistisch dokumentierten Privataudienzen unterstützt. Und er klagt BILD in Person ihres Chef-Redakteurs Kai Diekmann an, sich an dem Leid einer Frau, die nach einer Fehlgeburt ihr Kind verloren hat, mit der Schlagzeile »Wird sie nie wieder glücklich?« zu weiden. Als er dazu eine scharfe satirische Replik in der Berliner »tageszeitung« veröffentlicht, klagt Kai Diekmann seinerseits vor dem Berliner Landgericht auf die Zahlung von 30 000 Euro Schadensersatz. Der Erfolg blieb ihm versagt: Das Gericht verweigerte sich seinem unanständigen Ansinnen anstandslos mit der Begründung, Diekmann begebe sich mit Wissen und Wollen in das Geschäft von Persönlichkeitsrechtsverletzungen und er suche daraus bewusst wirtschaftlichen Vorteil zu schlagen. Gerhard Henschel geht mit der Davids-Schleuder der aufklärerischen Kampfschrift gegen einen Goliath vor. Auf wessen Seite die Sympathien des Publikums im vollbesetzten »Jugendclub Bureau« sind, beweist der lang anhaltende Beifall am Ende der Lesung. Vielleicht wird der »Gossenreport« ja auf diese Weise in den Verkaufslisten ganz nach oben getragen?

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