Archiv

Das Dilemma der israelischen Linken

10. Mai 2006 – Vortrag von Stephan Grigat

Was bedeutet es, im Staat der Shoah-Überlebenden radikale Staats- und Kapitalkritik zu formulieren? Linke befinden sich in Israel in einem Dilemma, das aber nur den wenigsten bewusst zu sein scheint. Der Normalzustand sollte sein, dass man sich als Staatskritiker gegen die Ideologie zur Wehr setzt, der Staat seien »wir alle«, und die Anmaßung des Souveräns zurückweist, einem, da man nun einmal lebt, auch noch ein »Recht auf Leben« zuzuweisen, mit dem die staatliche Gewalt stets demonstriert, dass sie dieses Recht jederzeit auch entziehen oder relativieren kann. Abstrakt trifft das auf Israel ebenso zu; Israel aber ist nicht »normal«, ist kein »Staat wie jeder andere auch«, sondern die bürgerliche Emanzipationsgewalt von Juden und Jüdinnen, ein bewaffnetes Kollektiv zur Abwehr des antisemitischen Terrors. Insofern ist seine Existenz, auch wenn dieses scheinbare Paradox nur wenige in der radikalen Linken wahrhaben möchten, die Bedingung für radikale Kritik an Staat und Kapital.

Warum ist vor diesem Hintergrund in Israel manchmal »links«, was in anderen Ländern als »rechts« gilt? Wie ist das Verhältnis von zionistischen und antizionistischen Linken in Israel? Welche Rolle spielt die innerisraelische Kritik für die Nahostdiskussionen in Europa?

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Forschungsstipendiat in Tel Aviv, gehört zu der Gruppierung »Café Critique« (www.cafecritique.priv.at ) und schreibt u. a. für »Konkret« und »Jungle World«. 
Herausgeber von »Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus« (ça ira 2003) sowie von »Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus« (ça ira 2006). Mitherausgeber von »Spektakel – Kunst – Gesellschaft. Guy Debord und die Situationistische Internationale« (Verbrecher-Verlag 2006).

‹‹‹ zurück zum Archiv