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Kommunismus und Israel

13. März 2006 – mit Joachim Bruhn

Die Einsamkeit Theodor Herzls

Mag sein, daß der Pluralismus in Deutschland mehr ist als nur eine Dutzendideologie. Mag auch sein, daß der Kampf zwischen »Links« und Rechts um die »Besetzung« der politischen Mitte mehr und anderes darstellt als nur das Spiegelspiel der Politik, vermittels dessen sich das Herrschaftsverhältnis der Souveränität reproduziert. Kann sogar sein, daß die linke Polemik für das »Recht auf Arbeit« tatsächlich den Antagonismus zur rechten Apologie der »Freiheit des Marktes« darstellt oder enthält. Zwar ist dies nach Maßgabe der materialistischen Kritik der politischen Ökonomie keineswegs zu erwarten, aber nach Maßgabe des unvermeidlichen Prinzips Hoffnung auch nicht kategorisch zu dementieren. Allerdings setzt der politische Pluralismus den Dogmatismus des Staates voraus, ist er doch, mit Marx, ein Mechanismus, der, durch die Konkurrenz um die Besetzung der Regierung, systematisch verschleiert, daß das gesellschaftliche Übel in der Existenz und im Wesen des Staates liegt. Im Wesen dieser Staatlichkeit liegt es, das Gewaltmonopol über Leben und Tod innezuhaben; im Wesen des deutschen Staates liegt es darüber hinaus, das tätige Selbstbewußtsein des Vernichtungs- und Mordzusammenhangs zu sein. Daran, an dieser allseits und kollektiv beschwiegenen oder gar um Sinn rationalisierten Geschäftsgrundlage der Politik, liegt es, daß sich die Linken mit den Rechten vermittels ihrer Mitte aller Differenzen zum Trotz immer dann einig sind, wenn es um Israel geht. In punkto Israel ist es egal, um ein beliebiges Beispiel anzuführen, ob der Ex-Grüne Jamal Karsli von der »Jungen Freiheit« interviewt wird oder gleich von der »Roten Fahne«, der Wochenzeitung der MLPD. Es ist ganz egal, um ein weiteres, eher akademisches Beispiel zu geben, ob Frankfurter Fordismus-Theoretiker wie Lupus oder Joachim Hirsch vom »Gesellschaftlichen« und »Sozialen« sprechen, aber konsequent abspalten und verdrängen, daß eben der Henry Ford, dem sie ihre schöne Theorie verdanken, ein Antisemit von Graden und ein Stichwortgeber des Führers war, daß schon bei Antonio Gramsci, dem Erfinder des »Fordismus«, diese Abspaltung so restlos funktionierte, daß die Kategorien der Hegemonie bis auf den heutigen Tag auch bei den Strategen der Konterrevolution sehr en vogue sind. Es ist schließlich ganz egal, ob man die Bücher von Noam Chomsky über den eher linken zu Klampen-Verlag aus Lüneburg bezieht oder gleich beim »Deutschen Buchdienst« der Deutschen Volksunion, wie es auch erst recht egal ist, ob Chomsky von der »National-Zeitung« zur Weltlage befragt wird oder gleich von der »jungen Welt« – das alles ist gleichgültig und der Beispiele daher kein Ende, weil der Gegensatz von Links und Rechts in punkto Israel aufgehoben und vernichtet ist, weil man sich der gemeinsamen Geschäftsgrundlage als Deutsche versichern will. Darum geht es das Verbrechen am Grund der eigenen, der postfaschistischen Staatlichkeit abzuspalten und es auf Israel zu projizieren, d.h. dem Kult des Volksstaates sich ergeben zu können, dem so süßen wie daher mörderischen Wahn der Identität von Volk und Führung, von Bürger und Politik. Wie daher der Antisemitismus, die eher ökonomisch sich legitimierende Seite des Judenhasses, als die Alltagsreligion der kapitalisierten Gesellschaft in der Scheidung des »produktiven« vom »spekulativen« Kapital sich niederschlägt, so der Antizionismus, die eher politisch sich camouflierende Version eben desselben Judenhasses, in der säuberlichen Trennung zwischen dem »Staat des ganzen Volkes«, d.h. dem »organischen« Volksstaat Deutschland einerseits, und dem desolaten »Konstrukt« Israel andererseits, das sich, »unorganisches Gebilde« und »Bollwerk des Imperialismus«, das es unheilbar ist, gegen die Palästinenser nur »nazistischer Vernichtungsmethoden« bedienen könne. Es drückt sich in dieser Spaltung aus, daß sie eine Abspaltung ist, daß das kapitalisierte Bewußtsein unter dem Niveau noch der bürgerlichen Aufklärung liegt, daß es den revolutionären Ursprung seiner eigenen Staatlichkeit verleugnet. Die materialistische Staatskritik hat sich dieser Ideologisierung zu erwehren, indem sie allererst das unter den Deutschen gängige Märchen bestreitet, der Antisemitismus sei das eine, der Antizionismus aber das ganz andere.

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