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Aus Leid der Menschen Profit ziehen

25. März 2004 – Professor Klaus Weber zur Methode des Familienaufstellens nach Bert Hellinger

Großen Anklang fand die vom »Jugendclub Bureau« organisierte Veranstaltung »Der Wille zum Schicksal. Kritik am Familienaufstellen nach Bert Hellinger«. Der Referent, Professor Klaus Weber von der Fachhochschule München, betonte, dass sämtliche angeführten Zitate von Hellinger selbst oder seinen Schülern stammen. Dieser Hinweis sei notwendig, da es seitens der Anhänger Hellingers gängige Praxis geworden sei, Kritiker mit kostspieligen Verfahren zu überziehen.

Zentral für Hellingers Herangehensweise sei der Begriff der Versöhnung, so Weber. Was unverfänglich und harmlos klinge, sei in Wirklichkeit nichts weiter als die Aufforderung zur Schicksalsergebenheit, also zum permanenten Einverständnis mit den Verhältnissen. Ob es sich um Kindesmissbrauch in der Familie handle oder um den Nationalsozialismus und die Vernichtung der europäischen Juden, alles habe seinen festen Platz im «großen Ganzen« und so seine Richtigkeit.

Wer sich den Verhältnissen nicht unterordne, sie nicht als gegeben akzeptiere, sei zur Krankheit verurteilt – schlimmer: wer als Opfer den Tätern die Versöhnung verweigere, mache sich selbst zum Täter. So bezeichnet Hellinger die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus als »nichts als Mörder« und den Juden bescheinigt er im Hinblick auf den Konflikt im Nahen Osten eine »nationalsozialistische Täterenergie«, die daher rühre, dass sie den Holocaust nicht vergessen wollten.

Unabhängig von solchen politischen Ausfällen müsse die Methode Hellingers und seiner Schüler scharf kritisiert werden. Während eine vernünftige Psychotherapie mitunter Jahre und eine Vielzahl von Sitzungen in Anspruch nehmen könne, verspreche Hellinger seinen Klienten »Heilung binnen zehn bis 20 Minuten«, führte Weber aus.

Verwerflich daran sei, dass es sich bei denen, die seine Seminare aufsuchten, um Menschen mit teils ernsten Problemen handle, die dringend Hilfe bräuchten. Diesen werde nicht nur eine beträchtliche Summe Geld abverlangt, sie würden auch mit einfachen »Wahrheiten« abgespeist und danach ohne irgendeine Nachbesprechung wieder nach Hause geschickt, was zum Teil schlimme Folgen habe. Der Selbstmord einer Hellinger-Klientin im Vorjahr sei nur die Spitze des Eisbergs, die Zahl der Geschädigten, die sich erst seit kurzem auch in verschiedenen Selbsthilfegruppen organisierten, insgesamt extrem hoch.

Auf die Frage, warum Hellinger und seine Schüler so großen Erfolg hätten, verwies Weber sowohl auf Mängel der etablierten Psychologie, die weit mehr an Statistiken als an den Menschen interessiert sei, als auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst: »Es ist in der kapitalistischen Gesellschaft mit all ihren brutalen Zwängen überhaupt kein Wunder, dass immer mehr Menschen krank werden.«

Gleichzeitig hätte kaum jemand die Zeit, sich mit seinen Problemen und Konflikten ernsthaft auseinanderzusetzen. »Da kommt so ein Guru, der von sich behauptet, er ist von einem ›wissenden Feld‹ umgeben, und den Leuten etwas von einer höheren, festen Ordnung erzählt, in die man sich einfach nur zu fügen braucht, gerade recht.«

Insgesamt sei die Methode Hellingers nichts weiter, »als aus dem tatsächlichen Leid der Menschen größtmöglichen Profit zu schlagen«. Solch eindeutige Kritik musste auf Widerspruch bei einigen Anwesenden stoßen. Ihre Aufforderung, Hellingers Familienaufstellungen doch differenzierter zu betrachten und auch »das Gute« an Hellinger zu sehen, wies Weber scharf zurück. So gebe es bisher keine einzige wissenschaftliche Untersuchung, die irgendeine positive Wirkung dieses Verfahrens bestätigen könne, mehr noch: Seit Jahren würden solche Untersuchungen von Hellinger und seinen Schülern abgelehnt und systematisch verhindert.

Es gebe also keinen Grund für eine irgendwie geartete differenzierte Sichtweise: »Wenn etwas stinkt, so muss ich es auch als Kloake bezeichnen«, so Weber.

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